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Sachunterricht in Schule und Lehrerbildung

Die Gesellschaft für Didaktik des Sachunterrichts e.V. (GDSU) nimmt hiermit Stellung zur Position des Faches Sachunterricht in der bildungspolitischen Diskussion und Praxis der Länder und leitet daraus Forderungen für seine Stärkung in Grundschule und Lehrerbildung ab. Aktueller Anlass sind erste Erfahrungen und Probleme bei der Umstellung des Studiums auf Bachelor und Master Studiengänge, der KMK Beschluss zu „Ländergemeinsame[n] inhaltliche Anforderungen für die Fachwissenschaften und Fachdidaktiken in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung der Studiengänge“ sowie aktuelle bildungspolitische Tendenzen, die den Sachunterricht in Schule und Lehrerbildung gefährden.[1]
Seit ihrer Gründung (1992) ist die Arbeit der GDSU durch das Anliegen motiviert, eine angemessene und für weiteres Lernen anschlussfähige naturwissenschaftliche, technische, sozial- und kulturwissenschaftliche Grundbildung als Aufgabe der Grundschule zu verankern und stetig weiterzuentwickeln.

Die GDSU hat als eine der ersten Fachgesellschaften mit einem Grundsatzdokument zum Unterricht (Perspektivrahmen Sachunterricht 2002) einen Beitrag zur Formulierung von Bildungsstandards geleistet. Inzwischen ist dieses Dokument Grundlage für die Weiterentwicklung zahlreicher Rahmen(lehr)pläne in den Ländern. Der Perspektivrahmen geht aus von aktuellen sachunterrichtsdidaktischen, entwicklungspsychologischen und lerntheoretischen Einsichten, die darauf aufmerksam machen, dass Lernen Konzepte und Vorstellungen von Kindern aufnehmen muss, um diese in ihren Fragen und Erkenntnissen weiterführen zu können. Zugleich benennt der Perspektivrahmen, welche Grundeinsichten und Methoden Gegenstand des Sachunterrichts sein sollten, damit Kinder tragfähige und zuverlässige Orientierungen gewinnen und anschlussfähige, fachspezifische Grundlagen erwerben können. Gegenwärtig wird er mit Blick auf die Formulierung von Basis­kompetenzen und ihre Evaluation weiterentwickelt, was zur Formulierung eines Kern­curriculums Sachunterricht führen soll.

(1) Der Sachunterricht stellt jenen Lernbereich in der Grund- und Förderschule dar, der zur Entwicklung des Wissens über die soziale und natürliche Umwelt beiträgt und in der Schnittstelle zwischen Elementar- und Sekundarstufe entscheidende Voraussetzungen für ein erfolgreiches Lernen in den natur- und gesellschaftswissenschaftlichen Fächern schafft. Diese Funktion kann er nur erfüllen, wenn seine Eigenständigkeit weder durch konturlose Sammelfächer (BW), noch durch Tendenzen der Vorverlegung fachlichen Lernens (HH) bedroht wird. Im Wesentlichen geht es darum, Kindern mit Blick auf Natur, Technik und Gesellschaft grundlegende Orientierungen für ihre Welterschließung zu geben und sie gleichzeitig auf das fachliche Lernen in der Sekundarstufe vorzubereiten. Sie erfahren dadurch sinnstiftend, wie fachliches Wissen dazu beitragen kann, ihre Lebenswirklichkeit besser zu verstehen und ein höheres Maß an Handlungsfähigkeit mit Blick auf die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu erwerben.

Der Sachunterricht in der Grundschule ist das Fach, in dem sowohl naturwissenschaftlich-technische als auch sozial- und kulturwissenschaftliche Kompetenzen grundgelegt werden.
Der Sachunterricht ist als Kernfach in der Grundschule gemeinsam mit den Kernfächern Deutsch, Mathematik und allen weiteren Fächern wesentlich an der Erfüllung des Bildungsauftrages der Grundschule beteiligt. Dieser bezieht sich in erster Linie auf die Befähigung der Schüler/innen zur Gewinnung einer aktiven Position bei der Gestaltung des eigenen Lebens und bei der Mitgestaltung der Gesellschaft. Er verbindet daher vier Grundaufgaben: Identitätsbildung, Alltagsbewältigung, Sicherung der Anschlussfähigkeit der Bildung (im Sinne eines kumulatives Wissenserwerbs ausgehend von der Elementarstufe sowie in den Sachfächern der Sekundarstufe − bzw. der sechsjährigen Grundschule) sowie Partizipation.[2]
Für den Sachunterricht ist die explizite und systematische Auseinandersetzung mit den Schlüsselfragen gegenwärtiger und zukünftiger Entwicklung essentiell. Er behandelt exemplarische Inhalte und Methoden der Natur-, Technik- und Human- und Sozialwissenschaften eingeordnet in disziplinübergreifende Sachverhalte, Problemstellungen und Aufgaben und fördert so vernetztes Denken auf der Grundlage fachspezifischen und allgemeinen Wissens sowie kreatives Problemlösen.

Damit dieses angemessen gelingt, muss das Fach Sachunterricht entsprechend seiner Bedeutung für Wissenserwerb und Kompetenzentwicklung in den Stundenplänen der Grundschule angemessen berücksichtigt werden.

(2) Zudem ist sicher zu stellen, dass künftige Lehrkräfte für den Sachunterricht an Grund- und Förderschulen im Sachunterricht als Studienfach eine spezifische Ausbildung erhalten. Diese setzt insbesondere die Entwicklung von Kompetenzen voraus im Umgang

  • mit naturwissenschaftlich-technischen sowie sozial- und humanwissenschaftlichen Inhalten und Methoden (vgl. Perspektivrahmen Sachunterricht)(dies beinhaltet u.a. einen soliden Überblick über die entsprechenden Wissensgebiete)
  • mit didaktischen Konzepten zur Durchführung eines anspruchsvollen, wissenschaftsbasierten integrierten Unterrichts, grundlegenden Kenntnissen zur Unterrichtsplanung, Unterrichtsanalyse und Unterrichtsgestaltung im Rahmen begleiteter schulpraktischer Anteile im Studium sowie
  • mit wissenschaftlichem Arbeiten, welches die kritische Reflexion eigener Wissensbestände und Sichtweisen von Praxiserfahrungen unter der Perspektive beruflicher Anforderungen ermöglicht.
(3) Angesichts der herausragenden Bedeutung des Sachunterrichts für eine zeitgemäße grundlegende Bildung erfüllen einige aktuelle bildungspolitische Entscheidungen die in der Gesellschaft für Didaktik des Sachunterrichts vereinten Fachleute mit großer Sorge. Während im Anschluss an internationale und nationale Schulleistungsvergleiche einerseits ein bildungspolitisch breiter Konsens über die Notwendigkeit einer frühen Förderung problemorientierten Lernens und anwendungsbezogenen Umgangs mit Wissen besteht, werden andererseits Entscheidungen getroffen, die der Rolle des Sachunterrichts dabei nicht gerecht werden.
So wurde zum Beispiel in Baden-Württemberg, auf die Einführung des Fächerverbundes „Mensch-Natur-Kultur“ reagierend, der Sachunterricht als integratives Studienfach abgeschafft. Stattdessen stehen acht Studienfächer zur Auswahl (eines oder zwei davon können gewählt werden), die dem ausdifferenzierten Fächerspektrum der Hauptschule entsprechen. Die Fächer sind aufgefordert, jeweils einen eigenen fachdidaktischen Schwerpunkt „Grundschule“ auszuweisen. Zentrale Anliegen des Sachunterrichts gehen dabei verloren. Auf diese Weise wird es weder gelingen, einen grundschuldidaktischen Bezug herzustellen, sowie den Anforderungen des integrativen Lernbereichs „Mensch, Natur und Kultur“ gerecht zu werden und Inhalte und Kompetenzen des Sachunterrichts mit denen musisch-ästhetischer Fächer zu verbinden.
In einigen Ländern der Bundesrepublik, wie z.B. Schleswig-Holstein, Sachsen und z.T. in Niedersachsen ist der Sachunterricht nur im Master als Studienfach vertreten. Bedingt durch die Kombinationsregel (bei stufenübergreifenden Studiengängen muss im Schwerpunkt Primarstufe Deutsch und/ oder Mathematik) gewählt werden, wird in einigen Ländern Sachunterricht nur als Dritt- oder Viertfach studiert und es erfolgt keine Ausbildung im Praxissemester oder Referendariat (z.B. Berlin, Brandenburg). Bedingt durch die Kombinationsregelungen werden die Gleichwertigkeit der Kernfächer Deutsch, Mathematik, (Fremdsprache) und Sachunterricht in der Grundschule verletzt und die Diskussion um die wachsende Bedeutung von „scientific literacy“ übersehen.
Die Ministerpräsidentinnen und die Ministerpräsidenten der Länder, die sich für die Einführung und Durchsetzung von Bildungsstandards für alle Schulstufen eingesetzt haben, fordern wir daher auf, der dazu notwendigen Absicherung des Unterrichtsfaches Sachunterricht in der Schule sowie des Studienfaches und der Wissenschaftsdisziplin Sachunterricht und seiner Didaktik an den Universitäten und Pädagogischen Hochschulen sowie in der Fort- und Weiterbildung angemessen Raum zu geben.
  • Wir fordern die Kultusministerinnen und Kultusminister der Länder auf, dafür Sorge zu tragen, dass mehr Zeit (mindestens durchgängig 4 Wochenstunden) für das Fach Sachunterricht in den Stundentafeln der Grundschule vorgesehen wird.
  • Wir fordern die Kultusministerinnen und Kultusminister der Länder auf, dass das Schulfach von für den Sachunterricht qualifizierten Lehrkräften unterrichtet wird.
  • Wir fordern die für die Lehrerbildung verantwortlichen Ministerinnen und Minister auf, das Fach Sachunterricht als gesondertes Studienfach einzuführen bzw. abzusichern, dass dies in seiner ganzen Breite, also den naturwissenschaftlich-technischen, wie auch den gesellschaftswissenschaftlichen Schwerpunkt umfassend studiert werden kann.
  • Wir bitten die Elternvertretungen, sich für eine zukunftsorientierte Bildung ihrer Kinder einzusetzen und auf einem qualifizierten Sachunterricht zu bestehen.
  • Wir fordern die Interessenvertretungen der Lehrerschaft auf, sich für eine qualifizierte wissenschaftsfundierte Lehreraus-, -fort- und Weiterbildung im Sachunterricht einzusetzen.
  • Wir bitten die Studierenden, sich ihrer Verantwortung für die Entwicklung von persönlicher und gesellschaftlicher Kompetenz und für einen breiten Wissenserwerb in grundlegenden natur- und sozialwissenschaftlichen Fragen bewusst zu werden und eine entsprechende inhaltliche und hochschuldidaktische Gestaltung des Studiums zu fordern und mitzugestalten.
Die in der GDSU organisierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an Universitäten und Hochschulen realisieren den hohen Anspruch des Perspektivrahmens Sachunterricht durch eine wissenschaftliche und praxisbezogene, polyvalente und zugleich professionsbezogene Lehre. Gleichzeitig werden sie die Forschungsarbeiten intensivieren, um den Sachunterricht als Wissenschaftsdisziplin auch hinsichtlich der Visibilität in der Wissenschaftslandschaft voranzubringen.
Wir bitten alle bildungspolitisch Engagierten, die Frage einer sozial- und kulturwissenschaftlichen sowie naturwissenschaftlich-technischen Grundbildung in der Grundschule öffentlich zum Thema zu machen. Eine zukunftsfähige Entwicklung beginnt mit einer fachlich fundierten und zugleich an Gestaltungskompetenz orientierten Bildung in der Grundschule. Der
Sachunterricht ist der Bereich, der dafür gestärkt werden muss in Schule und Lehrerbildung.
Oldenburg, März 2010


[1] Ferner wird Bezug genommen auf: Mindeststandards am Ende der Pflichtschulzeit// Erwartungen des Einzelnen und der Gesellschaft – Anforderungen an die Schule. Positionspapier der Gesellschaft für Fachdidaktik e.V. (GFD); Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 12.06.2008/; Beschluss der Hochschulrektorenkonferenz vom 08.07.2008; Ad-hoc-Arbeitsgruppe „Inhaltliche Anforderungen“ (AG Inhalte); „Standards für die Lehrerbildung“; Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 16.10.2008 i.d.F. vom 08.12.2008; Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern in Nordrhein-Westfalen Empfehlungen der Expertenkommission zur Ersten Phase
[2] Im Vordergrund steht dabei die kognitiv-instrumentelle Modellierung der Welt sowie die normativ-evaluative Auseinandersetzung mit Wirtschaft und Gesellschaft, welche durch ästhetisch-expressive Begegnung und Gestaltung sowie Begegnung mit Problemen konstitutiver Rationalität und ihrer Erfassung ergänzt werden (vgl. zu verschiedenen Modi der Weltbegegnung Baumert 2002).