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Einladung Mitgliederversammlung 2012

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Jahrestagung 2012

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3. Doktorand/innentagung 2011

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Zur Situation des Sachunterrichts in Baden-Württemberg

Hans-Joachim Fischer

Mit der Bildungsplanreform 2004 wurde der Sachunterricht als eigenständiges Unterrichtsfach der Grundschule abgelöst durch einen Fächerverbund „Mensch, Natur und Kultur“. Neben dem Sachunterricht sind darin die ästhetischen Fächer „Bildende Kunst“, „Musik“ und „Textiles Gestalten“ enthalten. Insgesamt sind für den Fächerverbund im Rahmen einer Kontingezstundentafel 25 Unterrichtsstunden, bezogen auf die gesamte Grundschulzeit, vorgesehen. Für die Lehrerschaft stellt der Fächerverbund eine große Herausforderung dar, da die erforderlichen fachdidaktischen Kompetenzen in dieser Zusammenstellung kaum vorhanden sind. Fortbildungen werden auf verschiedenen Ebenen realisiert, auch auf der Ebene der Ausgestaltung von Schulprofilen. Ein Drittel der Inhalte soll durch die Schulen vor Ort festgelegt werden. Bildungsstandards werden in neun Kompetenzfeldern vorgegeben. Sie entfalten Bildungsperspektiven, die durchaus kompatibel mit denen des Perspektivrahmens sind, aber einer anderen Systematik folgen. In dieser Systematik lassen sich allerdings die Bildungsansprüche der ästhetischen Fächer nur sehr eingeschränkt abbilden.

Im Gegensatz zum Bildungsplan mit seinen integrativen, Tendenzen steht die Ausbildung von GrundschullehrerInnen. Diese wird in Baden-Württemberg an Pädagogischen Hochschulen durchgeführt, und zwar bislang als Grund-/Hauptschul-Verbundstudium mit Wahl eines Stufenschwerpunkts. 2003 wurde der „Heimat- und Sachunterricht“ als integratives Studienfach abgeschafft. Stattdessen können nur noch separate Einzeldisziplinen aus einem Naturwissenschaftlichen oder sozialwissenschaftlichen Fächerverbund studiert werden: Geschichte, Geographie, Politikwissenschaft, Wirtschaftslehre, Biologie, Technik, Physik und Chemie. Jedes der Fächer enthält ein Sachunterrichtsmodul im Umfang von 6 SWS. Außerdem ist ein „Gegenmodul“ aus dem nicht gewählten Fächerverbund zu studieren. Ein solches „Sachunterrichtsfach“ kann in unterschiedlichen Umfängen zwischen 2 und 6 Modulen studiert werden. Bis zu zwei solcher Fächer können gewählt werden. Im zweiten Fach tritt dann an die Stelle des „Sachunterrichtsmoduls“ ein „Projektmodul“. Problematisch an dieser Konstruktion ist nicht nur der Verlust an integrativen und sachunterrichtsspezifischen Studieninhalten. In den Fachdidaktiken fehlen vielfach Grundschulkompetenzen, so dass dann weder die Belange der Grundschule noch die des Sachunterrichts berücksichtigt werden können – ganz zu schweigen von den Aufgaben, die der Fächerverbund Mensch, Natur und Kultur stellt. Auch in der zweiten Phase der Lehrerbildung führt der Verlust des „Heimat- und Sachunterrichts“ tendenziell zu einer Auflösung integrativer Strukturen. Die Studierenden werden dann in den verschiedenen Fachdidaktiken betreut, die in aller Regel eher an der Sekundarstufe ausgerichtet sind. Es gibt jedoch auch Anstrengungen, integrative Strukturen zu bewahren.

Mit Beginn des Wintersemesters 2011/12 wird eine neue Studienordnung in Kraft treten (die dritte seit 1998), die den Bologna-Prozess fortsetzen wird, aber noch keinen konsekutiven Bachelor-Master-Aufbau haben wird. Die bisherige Koppelung von Grund- und Hauptschul-lehramt wird aufgegeben und ein eigenständiges Grundschullehramt eingerichtet. Erklärtes Ziel der Landesregierung ist dabei auch, Kindergarten und Grundschule einander anzunähern. Eine Entscheidung über die Studienlänge steht unmittelbar bevor. Auch innerhalb der Landesregierung gibt es einflussreiche Kräfte, die für eine achtsemestrige Lösung und damit für eine Gleichstellung des Grundschullehramtes mit dem der Haupt- und Realschulen plädieren. Wahrscheinlich wird es jedoch nur zu einem höchstens siebensemestrigen Studium kommen. In einem Strukturpapier des Kultusministeriums, das im April 2008 veröffentlicht wurde, werden der „naturwissenschaftlich-technische Sachunterricht“ und der „sozialwissenschaftliche Sachunterricht“ als zwei von sechs Lernbereichen genannt, von denen drei auszuwählen und jeweils mit 15 CP bzw. 10 SWS zu studieren sind. Zusätzlich ist eine Vertiefung möglich im Umfang von 27 CP bzw. 18 SWS. Damit ergeben sich für diese beiden Lernbereiche folgende Studienmöglichkeiten:

  • Die Lernbereiche werden nicht studiert
  • Einer der beiden Lernbereiche wird im Umfang von 15 CP bzw. 10 SWS studiert
  • Einer der beiden Lernbereiche wird mit zusätzlicher Vertiefung im Umfang von 42 CP bzw. 28 SWS studiert
  • Beide Lernbereiche werden mit insgesamt 30 CP bzw. 20 SWS studiert
  • Beide Lernbereiche werden studiert, einer davon mit Vertiefung, so dass insgesamt 57 CP bzw. 38 SWS studiert werden

Bedenklich erscheint hier die Aufspaltung des Sachunterrichts in zwei getrennte Bereiche. Natur- und sozialwissenschaftliche Schwerpunktbildungen sind sinnvoll, sollten jedoch im Rahmen einer integrativen Didaktik des Sachunterrichts vorgenommen werden. Darüber hin-aus ist es weiterhin möglich, dass ein Teil der Studierenden keinerlei sachunterrichtliche Kompetenzen erwirbt. Angesichts der zentralen Bedeutung des Welt- und Sachverstehens für die integrativ angelegten Bildungsprozesse der Grundschule ist dies ein Anachronismus.

Auf der Grundlage des Eckpunktepapiers wurden Kommissionen eingerichtet, die in den letz-ten beiden Jahren Inhalte und Kompetenzen für die Fächer erarbeitet haben. Diese Vorarbei-ten sind Grundlage für die anstehende Ausformulierung der Prüfungsordnung. Auf die Bildungsbelange des Sachunterrichts wurde dabei keine Rücksicht genommen. Nicht einmal fächerübergreifende Lernbereichskommissionen wurden für die Grundschule eingerichtet. Stattdessen wurden – wie bisher – die Inhalte und Kompetenzen lediglich fachspezifisch ausgearbeitet, und zwar in Kommissionen, die schulstufenübergreifend zusammengesetzt waren. Erschwerend kommt hinzu, dass die Lernbereiche künftig keine Sachunterrichtsmodule mehr enthalten, in denen bildungstheoretische, anthropologische, fächerübergreifende und allgemeindidaktische Zugänge zum Aufgabenfeld thematisiert werden. Interventionen der Landesfachschaft „Sachunterricht“ wurden ignoriert. Problematisch ist in diesem Zusammen-hang auch, dass es bereits in den letzten Jahren zu einem Verlust an Strukturen, Ressourcen und Kompetenzen in den Hochschulen, was die integrative Didaktik des Sachunterrichts anbelangt, gekommen ist. Professuren wurden umgewidmet und Eingriffe in die institutionelle Verankerung des Sachunterrichts vorgenommen. An drei Hochschulen gibt es nur noch Orga-nisationsformen unterhalb der Abteilungsebene. Es steht zu befürchten, dass sich dieser Prozess fortsetzt und es eine Didaktik des Sachunterricht in Baden-Württemberg bald nicht mehr geben wird – weder in der Denomination von Professuren, noch in den Strukturen des Studiums, noch in der Pflege wissenschaftlicher Fachkulturen.

Die Pädagogischen Hochschulen in Baden Württemberg bilden seit 2007 auch Erzieherinnen aus. Dies ist eine bildungspolitische Entwicklung von höchster Tragweite. Sie wurde als Kon-sequenz aus der aktuellen Bildungsdiskussion, aber vor allem im Zusammenhang mit dem sich abzeichnenden quantitativen Rückgang der Lehrerbildung und der nötigen Diversifizierung des Studienangebots an den Pädagogischen Hochschulen eingeleitet. Der Didaktik des Sachunterrichts (Bildungsaspekt „Kind und Welt“) hat sich hier ein neues Aufgabenspektrum eröffnet. Das bisherige Angebot an Bachelorstudiengängen wird künftig ergänzt durch Mas-terstudiengänge, die an drei Standorten eingerichtet werden sollen. Auch hier kann der Bil-dungsaspekt „Kind und Welt“ eine wichtige Rolle spielen. Ob diese wahrgenommen wird, hängt aber sehr von den Ressourcen und der institutionellen Verankerung der Didaktik des Sachunterrichts ab. Da diese in der Lehrerbildung immer mehr untergraben werden, steht zu befürchten, dass sich das Spektrum der Bildungswissenschaftlichen Anteile in diesem Bereich auf Sprache, Mathematik (diese evtl. ergänzt durch Naturwissenschaft) und den ästhetischen Bereich verengt.